populäre kulturen

Forschung

Populäre Kulturen von a bis z

Der lange geltende Befund, populäre Phänomene würden von den Geistes- und Kulturwissenschaften als Analysegegenstände missachtet, trifft in den angloamerikanischen Ländern seit einigen Jahrzehnten selbstverständlich nicht mehr zu. Aber auch in Deutschland hat sich das Bild in den letzten zehn Jahren grundlegend gewandelt. Neugegründete Reihen und Zeitschriften belegen das; die Publikationslisten jüngerer Wissenschaftler lassen den Schluss zu, längst nicht am Ende dieser Entwicklung zu stehen.

Eine zentrale Herausforderung der Erforschung Populäre Kulturen und Popkulturen tritt jedoch bereits bei der Definition des Gegenstands und damit auch des Korpus zutage.

Die Anstrengungen, die auf dem Feld der Festlegung unternommen werden, kann man nur als erstaunlich bezeichnen. Selbst wenn man – sinnvollerweise – die eigenständigen Debatten rund um pop und pop culture (und deren seit Ende der sechziger Jahre in der BRD kursierende Pendants ‘Pop’ und ‘Popkultur’) einmal ausspart, bleiben zahlreiche Varianten übrig. Einigermaßen überschaubar bleibt die Begriffsgeschichte jedoch, weil die Kombination von popular mit culture weniger weit in die Zeit zurückreicht, als man vielleicht annehmen würde. Erleichtert wird der Überblick auch dadurch, dass vieles bewusst oder unbewusst wiederholt wird; Gemeinsamkeiten und Unterschiede treten dadurch in der Gesamtschau klar erkennbar hervor. Folgende bedeutende Unterschiede beim Gebrauch des Begriffs popular culture (und seiner deutschen Entsprechung ‘populäre Kultur’ bzw. ‘Populärkultur’) lassen sich mit Blick auf die Jahre nach 1940, seitdem die Wortfolge häufig verwendet wird (in Deutschland erst ab den 70er Jahren), herausstellen:

a) populäre Kultur als Kultur des Volkes im Sinne des niederen Volkes, als Kultur der beherrschten Klassen, u.a. der Handwerker und Bauern im frühneuzeitlichen Europa, als Kultur verschiedener historischer Ausformungen der Arbeiterklasse, als Kultur der ‘Unterschichten’

b) populäre Kultur als Gegensatz zur Kultur der Elite, als das, was von der legitimen Kultur ausgeschlossen wird, als Gegensatz zur Hochkultur, als all jene ‘taste subcultures’, die von der ‘high culture’ verschieden sind

c) populäre Kultur als eine der entscheidenden ‘sites where this struggle for and against the culture of the powerful is engaged; it is also the stake to be won or lost in that struggle’

d) populäre Kultur als gegenwärtige massenmediale common culture, die auch die elites einbezieht und von der sich allenfalls die Intellektuellen ausschließen

e) populäre Kultur als alle ‘aspects of culture, whether ideological, social, or material, which are widely spread and believed in and/or consumed by significant numbers of people’

f) populäre Kultur als die Kultur, die ein großes Publikum erreicht, ‘that cannot be simply described by a single social variable, such as class or gender or age’

g) populäre Kultur als Ensemble der Güter, die hohe Verkaufs- und Zirkulationszahlen aufweisen

h) populäre Kultur als Ensemble der in den unterschiedlichen historischen Gesellschaften oder Gesellschaftsschichten zugänglichen und beliebten Artefakte

i) populäre Kultur als mediale Alltagskultur, als Teil jener Umwelt, die durch moderne elektronische Geräte hervorgebracht wird (Riesman 1950)

j) populäre Kultur als Unterhaltungskultur

k) populäre Kultur als von vielen angenehm-lustvoll (pleasurable) erlebte Kultur

l) populäre Kultur als eine spezifische Form der ungelernten, unakademischen Rezeption bzw. produktiven Aneignung

m) populäre Kultur als kunstfertig kombinierende und verwertende Konsumpraktiken, als lustvoll-widerständige Aneignung massenmedialer Waren

n) populäre Kultur als ein Ensemble von Gütern, die für (fast) alle verständlich sind

o) populäre Kultur als Ensemble herabgesunkener, konventionalisierter moderner Darstellungstechniken, die einfache Wiedererkennungseffekte bewirken

p) populäre Kultur als Ensemble von Werken, die durch Formeln und Muster geprägt sind

q) populäre Kultur als Ensemble von Produkten, die sich an einen Durchschnittsgeschmack richten

r) populäre Kultur als Kultur, deren Ideale und Inhalte ‘conformity and conventionalism’ sind

s) populäre Kultur als eine Kultur, die ‘often incribes its effects directly upon the body: tears, laughter, hair-tingling, screams, spine-chilling, eye-closing, erections’

t) populäre Kultur als eine Kultur, die, im Gegensatz zur Massenkultur, noch (lobenswerte) Ähnlichkeiten (wie Direktheit und Authentizität) mit der folk culture aufweist

u) populäre Kultur als Gegenteil der autonomen, komplexen ‘“high” art’ (aber auch der ‘folk art’)

v) populäre Kultur als postmoderne Kultur bzw. als nicht mehr streng unterscheidbarer Teil der postmodern-hybriden Kultur

w) populäre Kultur als moderne Überwindung der Aufteilung von hoher und niederer Kultur, als dominante ‘middle-of-the road forms’, als ‘new consensus’

x-z) zudem gibt es eine Menge an Definitionen, die mehrere der unter a-w genannten Komponenten im Definiens aufreihen oder in Beziehung setzen

 

[aus: Thomas Hecken: Populäre Kultur, populäre Literatur und Literaturwissenschaft. Theorie als Begriffspolitik, in: »Journal of Literary Theory« 4 (2010), H. 2, S. 217-234.]